Baseballschlägerjahre und Deutungskonflikte in Koblenz

Der Mord an Frank Bönisch am 24. August 1992: Baseballschlägerjahre und Deutungskonflikte in Koblenz

Gedenkplatte für Frank Bönisch auf dem Koblenzer Zentralplatz
Mit 60 x 30 cm fällt die Gedenkplatte neben all den anderen Betonplatten auf dem Zentralplatz kaum auf.
© Initiative Kein Vergessen Koblenz

Der Koblenzer Zentralplatz ist mit Hunderten von Bodenplatten gepflastert. Eine davon trägt die Gravur:

Hier ermordete am 24.8.1992
ein rechtsradikaler Täter
den Obdachlosen Frank Bönisch
und verletzte mehrere Menschen

Zur Erinnerung und Mahnung

Am 24. August 1992 hatte ein rechter Skinhead auf eine Gruppe aus Alternativen, Wohnungslosen, Punks und Suchterkrankten geschossen. Frank Bönisch starb sofort, acht weitere Personen überlebten schwer verletzt. Erst 20 Jahre später, als der Zentralplatz 2012 neugestaltet werden sollte, errichtete die Stadtverwaltung die Gedenkplatte. Die Initiative Kein Vergessen Koblenz hatte zuvor auf den Mordfall und die politischen Hintergründe der Tat aufmerksam gemacht und ein angemessenes Gedenken gefordert.1 Die Gravur kann dabei als lokale Anerkennung der rechten Dimension des Mords verstanden werden, die auf Landes- und Bundesebene bisher ausblieb. Zudem gelang es der Gedenkinitiative durch aufwendige Recherchen, das Wissen von Betroffenen zugänglich zu machen, das vorher nur mündlich überliefert wurde. Ein wesentliches Ereignis war deshalb das öffentliche Gedenken knapp 20 Jahre nach der Tat, als sich Ersthelfer:innen und Betroffene des Anschlags auf dem Zentralplatz austauschten. Sebastian Hebeisen von der Initiative Kein Vergessen Koblenz erklärte hierzu:2

„Weggefährten von damals berichteten uns, dass sich Frank Bönisch selbst als Alternativer, Punk und Antifaschist sah und dass die Gruppe auf dem Zentralplatz nach Bedrohungen und Übergriffen durch Nazis auch Gegenwehr zeigte. Diese Selbstdefinition der Opfer und Identität als politische Menschen hatte bisher in der Öffentlichkeit nie eine Rolle gespielt.“

So berichteten Weggefährten der Initiative, dass Frank Bönisch aus Sachsen nach Koblenz kam und „was von der Welt sehen wollte“.3 Er hatte offiziell keinen Wohnsitz und wurde deswegen fälschlicherweise – in Urteil, Presse, ja sogar auf der Gedenkplatte – als Obdachloser bezeichnet, mit all den Assoziationen, die damit einhergehen.

Der Mordfall Bönisch ist in mehrfacher Hinsicht untypisch, denn Anerkennung und öffentliches Gedenken an wohnungslose Opfer gibt es in vielen anderen Fällen nicht. Er erregte aber auch zeitgenössisch sowohl vor Ort als auch in den Medien deutlich mehr Aufmerksamkeit als andere Morde dieser Art. Dies ist auf den besonderen Tathergang, die zeitliche Überschneidung mit dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen und die einhergehenden Debatten zurückzuführen. Erst dieser Umstand ermöglicht eine zeithistorische Untersuchung.

Im Folgenden wird beschrieben, in welchem lokalen und bundesweitem Kontext rechte Übergriffe stattfanden. Wie äußerte sich die Gewalt? Wie war die Situation für Betroffene und wie reagierte die Stadtgesellschaft darauf?

Dunkelfeld: Rechte Gewalt gegen Wohnungslose

Die einschlägige Forschung sowie behördliche Statistiken ermöglichen keine aussagekräftige Analyse zu Ausmaß und Motiven der Gewalt gegen Wohnungslose. Gleichzeitig ist von einem großen Dunkelfeld auszugehen.4 Gründe dafür sind die geringe Anzeigebereitschaft der Betroffenen, ein zugrundeliegendes erschüttertes Vertrauen in die Strafverfolgung sowie eine gewisse Normalisierung von Kriminalität im Leben wohnungsloser Menschen, wie Expert:innen vermuten.5 Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) dokumentiert in Deutschland als einzige Stelle seit 1989 körperliche Gewalt gegen Wohnungslose. Von 1989 bis Mitte Mai 2025 verzeichnete sie insgesamt 667 Tötungsdelikte. Demnach erreichte die tödliche Gewalt gegen Wohnungslose in den frühen 1990er Jahren einen Höchststand. Die Täter waren fast ausnahmslos männlich, die Opfer vorwiegend. Motivlagen sind bisher kaum erforscht. Es drängen sich jedoch Rückschlüsse auf politische Motive auf. Neueste Forschungen legen sogar nahe, dass wohnungslose Menschen eine der größten Opfergruppen unter den Todesopfern rechter Gewalt seit 1990 darstellen.6

Die wenigen Forschungen, die sich dem Phänomen widmen, stammen aus den Sozialwissenschaften oder sind Einwände durch Opferberatungen. Diese Arbeiten bieten wertvolle Einblicke in die unmittelbaren Tatverläufe sowie in die Perspektiven der Betroffenen. Gesellschaftliche Hintergründe und Zusammenhänge werden jedoch nur am Rande betrachtet. Die zeithistorische Forschung wiederum hat rechte Gewalt nach 1945 erst vor wenigen Jahren begonnen zu verorten. Die 1990er wurden dabei vor allem als Phase nationalistischer Mobilisierung und rassistischer Gewalt untersucht. Insbesondere die alltägliche Gewalt abseits der Brandsätze, wurde bisher aber kaum erforscht. In den zeithistorischen Beiträgen zum gesellschaftlichen Umgang mit Armut und Wohnungslosigkeit nach 1945 wird das Phänomen der Gewalt wiederum wenig beleuchtet – trotz der für Opfer prägenden, alltäglichen Bedrohungen auf der Straße. Dabei sind Ansätze, die rechte Gewalt in ihren historischen Kontext einordnen und Akteure, Betroffene sowie vermeintlich Unbeteiligte analysieren, besonders vielversprechend. Gesellschaftliche Reaktionen erhellen dabei den oft unbeachteten Kontext der Taten.

Aufgrund der gesellschaftlichen Ausgrenzung sind die Gewalterfahrungen und Perspektiven von Wohnungslosen aber selten überliefert und oft nur schwer zugänglich.7 Letztlich sind sozialchauvinistische Einstellungen so verbreitet, dass sie von der Gesellschaft kaum als Motiv der Gewalt wahrgenommen und benannt werden. Zudem kann rechte Gewalt vielfältige, wandelbare Erscheinungsformen haben, Motive der Täter:innen sind überlappend oder diffus. Betroffene rechter Gewalt werden dabei als Repräsentant:innen von Gruppen angegriffen, denen die Täter:innen Eigenschaften aufgrund ihrer verinnerlichten Ungleichwertigkeitsvorstellungen zuschreiben. Langzeitstudien zeigen, dass derartige Einstellungen in der gesamten Gesellschaft vorhanden sind. So gelten Wohnungslose in weiten Teilen der Bevölkerung auch heute noch als „arbeitsscheu“, ein Begriff, der durch die NS-Ideologie geprägt wurde.8 Aufgrund der vermeintlich fehlenden Wertigkeit in der Marktwirtschaft wird ihnen Solidarität abgesprochen.9 Ein solcher gesellschaftlicher Resonanzboden für die Tat, lässt sich auch im lokalen Kontext von Koblenz nachzeichnen.

Kommunalpolitik zwischen Konversion und Kaiser

Strukturwandel war ein bundesweites Schlagwort der 1980er und frühen 1990er Jahre. Rheinland-Pfalz und auch Koblenz waren von einer Wachstumsschwäche geplagt. Die Konversion – also die Umwandlung militärischer Ressourcen für eine zivile Nutzung – verschärfte um 1990 die wirtschaftspolitische Lage. Rheinland-Pfalz, logistisches Drehkreuz der NATO und Koblenz, selbsternannte Beamten- und Garnisonsstadt, drohten von den Abrüstungsplänen besonders getroffen zu werden. Im September 1990 waren von 100.000 Koblenzer:innen über 20.000 Beschäftigte der Bundeswehr, die um ihre Zukunft bangten.10

Sowohl die Debatten im Mainzer Landtag als auch im Koblenzer Stadtrat waren Anfang 1990 von den sozio-ökonomischen Herausforderungen und der Bedrohung durch „Ausländerhetze“ geprägt.11 Existenzängste, Arbeitslosigkeit und Wohnungsnot in den Kommunen würden die Bürger:innen vermehrt in die Hände von extremen Rechten treiben, so die damalige Warnung im Landtag.12 Die Befürchtungen eines Wahlerfolges extrem rechter Parteien bewahrheiteten sich nicht. Sowohl die Landes- als auch Stadtpolitik war von Kontinuität geprägt. Oberbürgermeister Willi Hörter, der 1992 bereits seit 20 Jahren in seinem Amt tätig war, regierte durchgängig mit über 40 Prozent CDU-Stimmen im Stadtrat.

In diesem Kontext arbeitete Koblenz seit 1990 am Image als Kultur-, Sport- und Hochschulstadt. Hierfür sollte die Stadt aufpoliert und Wohnungslose aus dem Stadtbild entfernt werden. Gemeinsam mit dem Land setzte Koblenz auf Großveranstaltungen mit hunderttausenden Besucher:innen wie Tal toTal – Autofreies Rheintal, Rhein in Flammen oder den sportlichen Höhepunkt der 2000-Jahr-Feier der Stadt Koblenz im Jahr 1992, die Ankunft einer Etappe der Tour de France. Zudem sollte ein einstiger Tourist:innenmagnet wiederbelebt werden: Das sogenannte Deutsche Eck. Auf dem Eck entbrannte in der Landes- und Stadtpolitik im Zuge der Wendezeit ein heftiger Streit um die Widererrichtung des Reiterstandbilds Wilhelm I. – verbunden mit Debatten um das außenpolitische Rollenverständnis des geeinten Deutschlands.13 Die teils hitzigen Debatten um das Reiterstandbild fielen mit den Feierlichkeiten zur Deutschen Einheit 1990 und dem geplanten 2000-jährigen Jubiläum der Stadt Koblenz 1992 zusammen: Am Eck verliefen nationale und lokale Prozesse der Selbstvergewisserung einer Stadtgesellschaft.

Mit dabei: Die lokale Neonazi-Szene, die mit Reichskriegsflaggen im Mai 1992 die Ankunft des Kaisers am Moselufer und im September die Errichtung des Denkmals gefeiert haben soll, ausgerechnet am Sedantag.14 In den 1990er Jahren war eine extrem rechte Szene in und um Koblenz aktiv, die schwere Gewalttaten verübte. Die Akteure waren überregional in extrem rechten Parteien wie der NPD und FAP sowie in Blood&Honour- und Rechtsrock-Netzwerken angebunden. Dennoch zeichneten sie sich weniger durch straffe, kameradschaftsähnliche Strukturen als durch lose Zusammenschlüsse aus. Neben Angriffen auf vermeintlich linke Aktivist:innen, kamen rassistische Übergriffe hinzu. Eine Gesamtschau der Gewalttaten ist hier nicht angedacht. Stattdessen sollen einige Schlaglichter Merkmale rechter Gewalt vor Ort verdeutlichen.

Rechte Gewalt in Koblenz: Taten, Reaktionen, Gegenwehr

Antifaschistische Broschüren und Dokumentationen sowie die Stimmen der Betroffenen rechter Gewalt bieten als einzige zugängliche Quellen die Möglichkeit, extrem rechte Aktivitäten und die unterhalb der schwersten Schwelle liegenden Gewalttaten in Rheinland-Pfalz im Verlauf der 1970er, 1980er und 1990er Jahre in den Fokus zu nehmen. Gemeinsam mit Polizeimeldungen und Berichten der Lokalzeitungen ergänzen sie Dokumentationen des Innenministeriums, die zu konkreten Taten vage und diffus bleiben. In den zivilgesellschaftlichen Dokumentationen sind zahlreiche Jagdszenen, Übergriffe und Körperverletzungen gegen linke, migrantische oder in jeglicher Form alternative Menschen in Koblenzer Kneipen und Diskotheken dokumentiert. Teile der Koblenzer Innenstadt waren zu Beginn der 1990er für Ausländer:innen, Obdachlose, Linke und Alternative laut Zeitzeug:innen ein Ort der Angst. Neben gezielten Angriffen auf vermeintlich linke Aktivist:innen, kamen spontane Übergriffe vor den Augen der Koblenzer Öffentlichkeit hinzu: Mutmaßlich überfielen zwei Skinheads eine junge Frau nahe der Bushaltestelle auf dem Koblenzer Zentralplatz – sie wurde schwer verletzt. Die Täter sollen der 18-Jährigen bei der antisemitischen Attacke mit einer Rasierklinge ein großes „J“ auf die Wange geschnitten haben. Die Polizei suchte in den darauffolgenden Tagen vergeblich Zeug:innen.15 Laut Urteilsschrift war der Mörder von Frank Bönisch seit dem Frühjahr 1991 auch an einigen der Gewaltdelikte dieser Art beteiligt.

Vorläufiger Höhepunkt rechter Übergriffe: Am 28. Dezember 1990 wurde in Hachenburg, wenige Kilometer von Koblenz entfernt, der 17-jährige Nihad Yusufoğlu von einem Mitglied der sogenannten Taunusfront erstochen. Eine breite gesellschaftliche Unterstützung für die Familie des Opfers blieb aus. Der damalige Hachenburger Bürgermeister und spätere rheinland-pfälzische Landtagspräsident, Hendrik Hering, äußerte sich bei der damaligen Gedenkkundgebung kritisch:16

„Unsere Empörung und unser Widerstand gegen Ausländerhaß hätte früher und massiver kommen müssen.“

Die lokale Zivilgesellschaft und politisch Verantwortliche stellte sich extrem rechten Aktivitäten und Gewalttaten jedoch nur zögerlich entgegen – bis zum Herbst 1991. Wie berichtet, gab es schon vor dem Pogrom in Hoyerswerda rechte Übergriffe in Koblenz. Wenn die Polizeimeldungen über Gewalttaten in der RZ Erwähnung fanden, dann jedoch nur als Kurzmeldungen, isolierte Ereignisse, ohne jedwede Hintergründe. Die Taten erschienen so als situative Gewaltausbrüche, meist jugendlicher Gewalttäter. Das tagelange Gewaltgeschehen in Hoyerswerda – mit Bildern, die um die Welt gingen – hatte das mediale Interesse hingegen gebündelt. Ausführlich wurde bundesweit über die Angriffe berichtet. Hoyerswerda wurde Symbol rechter Gewalt, bundesweite Initialzündung und womöglich Vorbild für eine Welle an rassistischen Folgetaten, auch im Westen.17

Wenige Tage nach dem Pogrom in Hoyerswerda, am 22. September 1991, wurde im Koblenzer Stadtteil Asterstein, in dem seit Jahrzehnten eine Koblenzer Sinti:zze- und Rom:nja-Community lebt, neonazistische Parolen entdeckt.18 Für viele Koblenzer:innen war die an Hoyerswerda anschließende Debatte über „Ausländerfeindlichkeit“ Initial für ein breiteres zivilgesellschaftliches Engagement. So demonstrierten im März 1992 über 20 Kulturinitiativen im Großraum Koblenz gegen „Ausländerfeindlichkeit und Intoleranz“.19 Im Verlauf der frühen 1990er Jahre sind anlässlich der massiven Ausschreitungen, Pogrome und Brandanschläge wie in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen neben den großen Lichterketten-Kundgebungen, mit mehr als 10.000 Teilnehmenden in der Koblenzer Innenstadt auch zahlreiche kleinere Solidaritätsaktionen und Proteste dokumentiert. So forderten TuS-Fans im Stadion „Nazis raus“.20 Jugendorganisationen der Ratsparteien sammelten überparteilich mit lokalen Unternehmer:innen Unterschriften gegen die rassistische Stimmungsmache.21 Hinzu kamen die schon länger bestehenden Initiativen für das Gedenken an nationalsozialistische Verbrechen, vor allem aus kirchlichen Kreisen und Jugendgruppen. Auch im Rahmen dieser Veranstaltungen, beispielsweise während des Gedenkens an die Deportationen Koblenzer Jüdinnen:Juden ins Ghetto Izbica oder dem Gedenken an die Reichspogromnacht wurde vor erneuter Gewalt gewarnt und ein Zeichen für Toleranz gesetzt.22

Am 31. Juli wurde in Bad Breisig, Kurstadt zwischen Bonn und Koblenz, der 49-jährige Obdachlose Dieter Klaus Klein von zwei jungen Skinheads überfallen und erstochen. Nachdem er in der Nacht von „Sieg Heil“-Rufen geweckt worden war und diesen widersprochen hatte, attackierten die beiden 17-jährigen Täter Dieter Klaus Klein. Sie ließen ihn zunächst schwer verletzt liegen und ermordeten ihn Stunden später mit über 20 Messerstichen. Die Tat erregte kaum Aufsehen. Nur wenige Lokalzeitungen berichteten Tage später knapp über den „Gewaltrausch“.23

Der Mord an Frank Bönisch am 24. August 1992

Anders verhielt es sich beim Mord an Frank Bönisch wenige Tage später. An dem sommerlichen Montagabend hielten sich zahlreiche Menschen auf dem Zentralplatz auf. In den frühen 1990ern war der Platz für viele ein beliebter Treffpunkt, auch für eine Gruppe aus Alternativen, Wohnungslosen, Punks und Suchterkrankten. Laut Polizei Koblenz ging um 20:42 Uhr der erste Notruf ein. Eine Person hatte mehrfach auf die Gruppe geschossen. Der 35-jährige Frank Bönisch starb sofort, es gab zahlreiche Schwerverletzte. Der Schütze, der von Zeug:innen der Tat übereinstimmend als „Skinhead“ beschrieben wurde, konnte in der Tatnacht festgenommen werden. Obwohl sich der Verdächtige der rechten Skinheadszene zugehörig fühle, müsse von einer Einzeltat ausgegangen werden, so die damalige Staatsanwaltschaft. Die „Schießerei“ habe definitiv keinen „neonazistischen Hintergrund“. Der Verdächtige hätte aus „allgemeinen Hassgefühlen“, Geldmangel und Angst um den Arbeitsplatz getötet.24

Die Deutungsmacht über die Tat lag auch im Folgenden bei der Staatsanwaltschaft. Demnach hatte ein psychisch kranker, frustrierter Mann aus Mordlust, als Selbstzweck, gemordet. Die Tat erschien somit in den Medien zwar in emotionalisierender Sprache, aber isoliert – sowohl von lokalen Kontexten als auch von der massiven rechten Gewalt der frühen 1990er. Die sozialen Hintergründe und Identitäten der Opfer blieben unerwähnt. Die Projektile hätten dieser Deutung nach alle Koblenzer:innen treffen können. Wohlwollend mag sich diese Darstellung als Solidarisierung mit den Opfern interpretieren lassen. Bewirkt hat sie jedoch das Gegenteil. In einem Fernsehbeitrag des Südwestjournals vom 25. August 1992 sowie des Senders RTL II kamen die Stimmen der Betroffenen ausführlicher zu Wort. Ihre Deutung der Tat wich deutlich von der staatsanwaltschaftlichen und medialen Erzählung ab. Die damalige Lebensgefährtin von Frank Bönisch erklärte:25

„Wie behauptet wird, war das eine Tat, die der Täter nicht voll verantworten kann. Aber er hat es voll verantwortet. Er hat seine Opfer zuvor laufend beobachtet und gezielt geschossen. Er war ein paar Mal im Schlosspark und hat auch da schon versucht die Gruppen anzumachen – nur dass es da nicht zu einer Schießerei kam. […] Er hat sich geäußert mit: ‚Euch Schweine, euch bringe ich alle um!‘ Für mich ist das ein Mensch, der das mit gezielten Vorurteilen gemacht hat!“

In diesen Worten wird die Perspektive von Opfern und Angehörigen erkennbar: Trotz des Schocks versuchten die Betroffenen, mit ihrem Wissen über die Hintergründe im Deutungskonflikt mit Medien und Staatsanwaltschaft Gehör zu finden. Der Täter war ihrer Darstellung nach in die gewalttätige rechte Szene eingebunden. Seine Handlungen waren daher nicht ausschließlich durch seine Erkrankung, sondern eben auch durch seinen deutlich geäußerten Hass auf gesellschaftliche Minderheiten erklärbar. Die Perspektiven der Opfer zeugten von Wissen über Kontinuität und Spezifik rechter Gewalt vor Ort. Die medialen Darstellungen dieser Perspektiven verblieben jedoch im entpolitisierten Entsetzen über die Tat. Die Berichte lieferten keine kritische Ergänzung behördlicher Interpretationen. Stattdessen verdeutlichten sie, dass eine vermeintlich empathische Berichterstattung über Betroffene nicht zwangsläufig journalistisch wertvoll sein muss.

In den Wochen nach dem Anschlag versuchten Privatpersonen und ein Bündnis von sozialen Einrichtungen und linksradikalen Gruppen, diesen als rechten Mord in Erinnerung zu rufen – jedoch ohne Erfolg. Das Engagement störte die scheinbare städtische Normalität. Für die Mehrheitsgesellschaft fiel die Distanzierung leicht, eine Solidarisierung mit den Opfern blieb aus. Schließlich gehörten weder das vermeintlich obdachlose Opfer noch der psychisch kranke Täter dazu. Die Reaktionen offenbarten so stadtgesellschaftliche Zugehörigkeiten und Machtverhältnisse. TV-Aufnahmen vom Tag nach der Tat zeigen: Mehrere Personen lagen sich am von der Spurensicherung freigegebenen Tatort in den Armen. Einige wenige Angehörige brachten für die Opfer Blumenschmuck und Graffiti am Tatort an. Mit ihrer Rückkehr auf den Zentralplatz, eigneten sie sich ein Stück weit den gesellschaftlichen Raum als Gedenkort an, den ihnen der Schütze zuvor mit brutaler Gewalt genommen hatte.

Im Strafprozess wiederholte der Angeklagte das Geständnis aus der nächtlichen Vernehmung. Laut psychiatrischem Gutachten war er nicht schuldfähig. Die Staatsanwaltschaft folgte diesem, plädierte auf ein geringeres Strafmaß sowie die psychiatrische Einweisung. Die Anwälte der Nebenklage forderten hingegen, die menschenfeindliche Einstellung, Einbindung in die rechte Szene, offenkundige Bezüge auf den Nationalsozialismus sowie den mehrfach geäußerten Hass auf Ausländer:innen, Wohnungslose und Linke bei der Urteilsfindung zu berücksichtigen und auszuleuchten. Sie sahen das Mordmerkmal der niederen Beweggründe als erfüllt an. Das Urteil folgte der Staatsanwaltschaft.26 Dabei beantwortete das Gericht die Frage nach sozialen Bindungen des Täters und politischen Motiven nicht.27

Die Überlebenden standen trotz Urteil weiterhin vor offenen Fragen und so hielten Spekulationen über die Tat an. Unter anderem wurde sie vor dem Hintergrund der Erzählung gedeutet, dass sich ein Teil der Koblenzer Neonazis am 24. August 1992 an dem Pogrom in Rostock-Lichtenhagen beteiligt hätte.28 Der Täter hätte aufgrund seiner Außenseiterrolle innerhalb der Gruppe nicht mitreisen dürfen. Besaß die Tat auf dem Zentralplatz also auch eine Botschaft nach innen, als Beweis der Zugehörigkeit zur Szene? Gesichert ist, dass die Mehrheitsgesellschaft auch das Urteil nicht zum Anlass nahm, sich mit den Opfern des Zentralplatzes auseinanderzusetzen. Die Angegriffenen blieben ein marginalisierter Teil der Stadtgesellschaft: Koblenz versuchte ab dem Winter 1993 Wohnungslose gewaltsam zu verdrängen – wie zahlreiche deutsche Großstädte. Dabei wurden sogar sogenannte Ortsverbringungen diskutiert – also die Aussetzung von Wohnungslosen außerhalb des Stadtgebietes. Aufgrund heftigen Protests der Sozialverbände sowie rechtlicher Bedenken der Behörden wurde dies letztlich nicht durchgeführt.29 Am grundsätzlichen Muster des gesellschaftlichen Umgangs änderte sich bis in die nahe Vergangenheit dennoch wenig: 2018 wurde die enthauptete Leiche des wohnungslosen Koblenzers Gerd Michael Straten auf dem Hauptfriedhof gefunden. Der ungeklärte Fall erschütterte die Stadt und erregte Aufsehen. Trotzdem gibt es bis heute kein Schutzkonzept für Wohnungslose.

Chancen und Herausforderungen der Forschung

Das Beispiel des Mordes an Frank Bönisch zeigt, wie Ausgrenzung und fehlende Solidarisierung einen Nährboden für rechte Gewalttaten bieten. Diese sogenannten Vorformen der Gewalt begünstigen, dass bei der strafrechtlichen Verfolgung die politischen Hintergründe der Taten unbenannt bleiben. Wohnungslose Opfer rechter Gewalt haben wiederum keine Kapazitäten für erinnerungspolitisches Engagement. Auch soziale Einrichtungen unterstützten Betroffene zuvorderst beim Überleben auf der Straße.30 Deshalb ist zeitgeschichtliche Forschung unerlässlich. Mithilfe des Wissens der Betroffenen trägt sie dazu bei, den oftmals unbeachteten gesellschaftlichen Kontext der Taten auszuleuchten. Schließlich gibt es Ansatzpunkte: Wie berichten Medien über die Taten? Wirken sozialpolitische Debatten als Resonanzraum? Inwiefern sind Wohnungslose Feindbild der extremen Rechten?31 Das Koblenzer Beispiel zeigt: Die Gedenkplatte für Frank Bönisch wurde beschädigt und Veranstaltungen der Gedenkinitiative gezielt gestört. Die Tötung von Dieter Klaus Klein diente einer neonazistischen Organisation als Bezugspunkt.32

Die Forschung steht in diesem Themenfeld jedoch vor strukturellen Herausforderungen. Alarmierend ist zum Beispiel, dass der Zugang zu Strafakten nicht nur erschwert, sondern gefährdet ist. Die Entscheidung, welche Akten als archivwürdig gelten, liegt nach Ablauf der Schutzfrist bei den Landesarchiven. Wenn im Urteil kein politisches Motiv ausgeleuchtet wurde und der Akte somit kein bleibender Wert zugeschrieben wird, wird sie vernichtet.33 Zivilgesellschaftliche Initiativen bieten oft wichtige Quellenzugänge, nutzen Recherchen und sind gleichzeitig Forschungsgegenstand. Dies lässt jedoch die Grenzen zwischen Wissenschaft und Aktivismus verschwimmen. Benötigt werden daher fachübergreifender Dialog und institutioneller Rückhalt, um Forschungen umzusetzen.

Letztlich zeigt sich, dass für eine zeithistorische Periodisierung der Geschichte rechter Gewalt nach 1945 mehr Grundlagenforschung erforderlich ist. Ein zeithistorischer Beitrag zur Geschichte und Debatte um die Anerkennung von Verdachtsfällen rechter Gewalt wäre wünschenswert. Wie sollen mögliche Betroffene mit staatlichen Ressourcen geschützt werden, wenn durch unzutreffende Analysen und Lagebilder das Ausmaß und die Kontinuitäten der Bedrohung nicht erkennbar sind?34 Der Mordfall Bönisch macht deutlich: Für wohnungslose Menschen und andere Opfergruppen ist Sichtbarkeit in der Debatte um Anerkennung eine Frage von Leben und Tod.


Fußnoten

1 Initiative Kein Vergessen Koblenz: Kampagnenaufruf 2011, online unter: https://www.initiative-kein-vergessen-koblenz.de/blog/, [letzter Zugriff: 22.06.2025].

2 Interview mit Sebastian Hebeisen, Koblenz, 08.05.2024.

3 Ebd.

4 Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, Forschungsbericht Diskriminierung und Hassgewalt gegen wohnungslose Menschen, Jena 2021, online unter: https://www.idz-jena.de/fileadmin/user_upload/Publikationen/IDZ_Forschungsbericht_Diskriminierung_und_Hassgewalt_gegen_wohnungslose_Menschen.pdf [letzter Zugriff: 22.06.2025], S.15; Dorina Feldmann, Michael Kohlstruck, Max Laube, Gebhard Schultz, Helmut Tausendteufel, Klassifikation politisch rechter Tötungsdelikte – Berlin 1990 bis 2008, Berlin 2018, S. 20–24.

5 Daniela Pollich, Opferwerdung wohnungsloser Menschen: Ein Überblick zum Stand der Forschung zu Theorien, Methoden, Opfern und Tätern. IKG Working Paper Nr. 11, Bielefeld 2017, S.12.; Daniela Pollich, Zählung eines „unsichtbaren“ Phänomens? Möglichkeiten der Erfassung des Ausmaßes von Gewalt gegen Wohnungslose, in: Rolf Jordan (Hg.): „… ohne Wohnung ist alles nichts!“. Bundestagung 2017 der BAG Wohnungslosenhilfe, Berlin 2019, S. 201–219.

6 Die von Merle Stöver im Rahmen ihrer Dissertation dokumentierte Zahl der getöteten Wohnungslosen, die im Zeitraum von 1989 bis 2022 als konkrete Verdachtsfälle sozialchauvinistischer, somit rechter, Gewalt in Frage kommen, übersteigt bisherige Schätzungen; online unter: https://ekvv.uni-bielefeld.de/pers_publ/publ/PersonDetail.jsp?personId=467589252; [letzter Zugriff: 22.06.2025].

7 Beispielhafte Ausnahme: Webdokumentation gegenuns.de, Gegen uns. Tödliche rechte Gewalt gegen Wohnungslose in Greifswald, online unter: https://gegenuns.de/wohnungslose/ [letzter Zugriff: 22.06.2025].

8 Wilhelm Heitmeyer, Deutsche Zustände. Das entsicherte Jahrzehnt. Presseinformation zur Präsentation der Langzeituntersuchung Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Bielefeld 2012, online unter: https://bagkr.de/wp-content/uploads/2018/07/IKG_2012_Pressehandout_Deutsche-Zust%C3%A4nde.pdf [letzter Zugriff: 22.06.2025], S. 19.; zur Geschichte von als „asozial“ oder „arbeitsscheu“ verfolgten Menschen im NS, vgl. Ayaß, Wolfgang: „Asoziale“ im Nationalsozialismus, Stuttgart 1995.

9 Vgl. Andreas Zick, Beate Küpper, Nico Mokros (Hrsg.): Die distanzierte Mitte. Rechtsextreme und demokratiegefährdende Einstellungen in Deutschland 2022/23, Bonn 2023, hier: S. 257.

10 Deutscher Bundestag: Schriftliche Fragen mit den in der Woche vom 17. September 1990 eingegangenen Antworten der Bundesregierung, Drucksache 11/7961, Bonn 21.09.1990, S. 29.

11 Rhein-Zeitung, 22.08.1989, S. 3.

12 Ebd.

13 Vgl. Michael Koelges, Heroisches Kaiserdenkmal oder „Faustschlag aus Stein“? Das Deutsche Eck in Koblenz, in: Internetportal Rheinische Geschichte, online unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/heroisches-kaiserdenkmal-oder-%2522faustschlag-aus-stein%2522-das-deutsche-eck-in-koblenz/DE-2086/lido/57d129cb4966f6.01154517, [letzter Zugriff: 22.06.2025].

14 Vgl. apabiz, Antifa Info Koblenz + Umgebung, Nr. 5, Juni/Juli 1992, S. 4; Antifaschistische Zeitung NRW, November 1993-Januar 1994, S. 4.; Rhein-Zeitung, 25./26.09.1993, S. 13.

15 Vgl. RZ, 31.08.1989, S.15.

16 Vgl. taz. die tageszeitung: Schweigemarsch für ermordeten Kurden, 07.01.1991, online unter: https://taz.de/Schweigemarsch-fuer-ermordeten-Kurden/!1738488/, [letzter Zugriff: 22.06.2025].

17 Zeit Online: Tödlicher Brandanschlag: Urteil im Beihilfe-Prozess geplant, online unter: https://www.zeit.de/news/2024-07/09/toedlicher-brandanschlag-urteil-im-beihilfe-prozess-geplant, [letzter Zugriff: 22.06.2025].

18 Vgl. RZ, 24.09.1991, S. 13.; Kirsche, Gaston: Als Sinti am Deutschen Eck, 19.06.2012, online unter: https://www.hagalil.com/2012/06/newo-ziro/, [letzter Zugriff: 22.06.2025].

19 RZ, 07./08.03.1992, S. 49.

20 RZ 07.06.1993, S. 26.; RZ, 07.12.1992, S. 25.; RZ, 24.-27.12.1992, S. 4.

21 Vgl. RZ, 04./05.04.1992, S. 15.; RZ, 01.03.1992, S. 25.

22 Vgl. RZ, 19.03.1992, S. 17.; RZ, 10.11.1992, S. 17.; RZ, 11.11.1992, S. 18.

23 Bonner General-Anzeiger, 04.08.1992, S. 6.

24 Südwestrundfunk-Unternehmensarchiv, Archiv-Nr. 538700, MZ, SWR: Mord in Koblenz, Südwestjournal, 25.08.1992, 1min27s.

25 Ebd.

26 Frankfurter Rundschau, 05.06.1993, S. 5.

27 Saarbrücker Zeitung, 06.06.1993, S. 4.; Rhein-Zeitung, 05./06.06.1993, S. 13.

28 Neues Deutschland: Gedenken an Frank Bönisch. Rechtsmotivierter Mord in Koblenzer Innenstadt jährt sich zum 21. Mal, 26.08.2013, online unter: https://www.nd-aktuell.de/artikel/831485.gedenken-an-frank-boenisch.html [letzter Zugriff: 22.06.2025].

29 taz. die tageszeitung: Ab Juni darf man nicht mehr auf die Straße kotzen, 09.05.1994, online unter: https://taz.de/!1563446 [letzter Zugriff: 22.06.2025].

30 Kai Stoltmann, Ermordet und vergessen. Obdachlose Todesopfer von rechter Gewalt, in: Harpreet Kaur Cholia, Christin Jänicke (Hg.): Unentbehrlich. Solidarität mit Betroffenen rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, S. 209–214, hier: S. 213

31 Ulli Jentsch, Johannes Lohmann, Jan Raabe, Vernichtungswille und argumentative Ausnutzung. Wohnungslose als Feindbild und Propagandaobjekt der extremen Rechten, in: Lotta – Antifaschistische Zeitung aus NRW, Rheinland-Pfalz und Hessen, 10.04.2013, online unter: https://www.lotta-magazin.de/ausgabe/51/vernichtungswille-und-argumentative-ausnutzung/, [letzter Zugriff: 22.06.2025].

32 Vgl. Sager, Tomas/Puls, Hendrik: Gut vernetzte NS-Truppe, in: Endstation Rechts, 15.03.2012, online unter: https://www.endstation-rechts.de/news/gut-vernetzte-ns-truppe, [letzter Zugriff: 22.06.2025].

33 Anna Pingen, Ann-Kathrin Steger, Unter der Lupe – Der Zugang zu Gerichtsentscheidungen in Deutschland, in: Recht und Zugang (RuZ), Heft 2/2023, S. 205–222, hier: S. 218.

34 Vgl. bzgl. polizeilicher Analysen: Deutscher Bundestag: Beschlussempfehlung und Bericht des 2. Untersuchungsausschusses nach Artikel 44 des Grundgesetzes, Drucksache 17/14600, Berlin 22.08.2013, S. 861.


Hinweis: Dieser Text ist ein Auszug einer geschichtswissenschaftlichen Arbeit und wurde für die Veröffentlichung auf der Website der Initiative Kein Vergessen Koblenz aufbereitet.